Der Pate / Mutter aller Pokalschlachten.


Mogadischu im Kinderzimmer. Der entscheidende Vorstoß in diesen festgefahrenen Verhandlungen kam von der Verlegerin. Wir waren zusammen in Biesdorf zu Besuch, und mein Patenkind hatte sich einmal mehr in den hintersten Ecken verschanzt. Weil Kai ein so furchteinflößender, großer Mann sei, schlug Frau Wulffen vor, ihn kurzerhand in eine Art Grabtuch zu hüllen, bis das Kind sich an diesen Helmut Kohl aller Patenschaften gewöhnt hatte. Das Ganze war etwas stickig, aber simpel und wirkungsvoll. Schon bei Kaffee und Käsekuchen weichten die Fronten auf, und Patenonkel und -kind waren am Ende doch wieder mal "so" (Mittelfinger über Zeigerfinger verknotet). +++ Erstaunlich, was sich in ein paar Wochen alles so ändert, während man kurz mal in Sachsen die Seele am seidenen Faden baumeln lässt: Das Mac-Internetcafé unten am Spreewaldplatz verwandelt sich ("auf mehrfachen Kundenwunsch") in ein Wiener Caféhaus, der U-Bahnhof Südstern heißt plötzlich Hasenheide, was aber wohl nur an ein paar freigelegten Emailleschildern aus dem Zweiten Weltkrieg liegen dürfte, Lieblings-Köfteläden verschwinden. +++ Wie unbeeindruckt dagegen doch mancher Zeitgenosse weiterhin seine pathologischen Verhaltensmuster pflegt: Bemitleidenswert! +++ Morgen Abend dann die lang erwartete Mutter aller Pokalschlachten: Eintracht Braunschweig gegen den FC Bayern München. Heinrich der Löwe sei da nur am Rande erwähnt...

Foto: Patenkind, aufgetaut © KvK, 2011Foto: Jeanne-Claude und Christo verhüllen ein altes Haus © Anke Wulffen & Mila, 2011

Mann ohne Gesicht / Sometimes it snows in April.




















Markus Wolf, Spionagechef der DDR oder so, galt früher im Westen wohl lange Zeit als gefährlichster Mann der Welt. Oder so. Der BND hatte von Wolf, genannt Mischa, ewig kein einziges Foto gehabt und nicht mal gewusst, wie er denn überhaupt aussieht. +++ Viel seltener in Wirklichkeit aber sind Fotos von Barkeeperlegende Michi im club49. Alles Gute zum Geburtstag! Wo immer Du bist! Ich hoffe, es geht Dir gut! +++ In der Literatur gibt es, das habe ich irgendwo mal gehört, ein ungeschriebenes Gesetz, Geschichten dürften niemals mit Regen beginnen. Da ist ganz unbedingt etwas dran: Niemals mit Regen! +++ Für heute Nacht ist, so hört man, ein geheimes Dualesque-Set in Kreuzberg geplant. +++ Markus Wolf hatte ich kurz einmal kennengelernt: Der Mann ohne Gesicht. Meine Freunde in Ost-Berlin damals beargwöhnten, dass ich Wolf sehr sympathisch fand. Gestorben ist er, Ironie der Geschichte vielleicht, am 9. November 2006 in Berlin. +++ Ich werde zuletzt häufig gefragt, wo man am Montag die Pokalschlacht Eintracht Braunschweig gegen den FC Bayern guckt: Man guckt sie im Club...

Foto: Mischa Wolf © KvK, 2000/2001
Foto: Michi K. © KvK, 2011

Χρόνια πολλά / Keep Bad at Bay.

Mit dem provisorischen Schiel-Eisen der Drogeriekette Rossmann, einer freundlichen Leihgabe des, nomen est omen, Designers Brill – mit diesem Schiel-Eisen komme ich mir vor wie Peter Sattmann. Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich vorkommen möchten wie Peter Sattmann, aber ich finde es ein beruhigendes Gefühl: Der Peter-Sattmann-Blick über den oberen Brillenrand ist der Blick, dem die Frauen vertrauen. +++ Einen besonderen Gruß zum Geburtstag: Liebe Esther, ich bin den Berliner Nächten nervlich noch nicht ganz wieder gewachsen und habe bis zwölf gestern Abend nicht durchhalten können. Man nennt das den good old Kreischa-Groove, was sich da in den Genen verwurzelt hat. Das Foto ist ja fast schon historisch – war ich denn so lange weg? Ich wünsche Dir alles Gute! +++ Schwejki-Boy heute würde verschmitzt fragen: "Was hast dud'n für'n Wetter bestellt?!" Sonnenschein, man will es kaum glauben. +++ Gerüstbauer müsste man sein. +++ Nach all den Jahren dem Finanzamt mal wieder Hallo gesagt. Wie schön: Die alte Forderung von der Dicke vom Ordnungsamt über fast 600 Euro hat sich erledigt: Null und nichtig. Niente, nietschewo! Herr Vetter (der nicht der Dicke vom Ordnungsamt ist, sondern ein sehr netter Mensch im FA Frdrsh-Krzbrg) schob diesen ganzen Wust direkt in den Schredder und meinte, wenn ich mir jetzt noch angewöhnen könnte, nicht ständig falsch zu parken, sei die Welt völlig in Ordnung: Sommerloch!

Foto: Tamie & Esther © KvK, 2011

An End has a Start / Back in the Berlin Groove Thang.



Wenn ich nicht irre, bin ich heute, auf den Tag genau, vor all den wunderbaren Jahren getauft worden. Der DJ Kröch übrigens ist nur ein Künstlername, da müssen wir jetzt alle sehr stark sein. +++ Jürgen der Trinker ist nun auch schon ein paar Tage älter, aber damals in Kreischa war er noch nicht zur Veröffentlichung frei gegeben. Passt ja auch heute noch bombe: Seit ich auf Kippen und Alkohol verzichte, habe ich mehr Geld übrig für Bio-Produkte. Wenn ich jetzt noch den Bio-Scheiß weg ließe, könnte ich endlich mal wieder ins Kino gehen. Tarantino empfiehlt geile Splatterpornos, sagt man in gut unterrichteten Kreisen. Aber ich bin doch so'n altes Sensibelchen – gibt's denn vielleicht auch romantische Splatterpornos, welche mit Happy End? Im Cine Star Hellersdorf, meinetwegen? +++ Für Amy Winehouse kam die Umstellung auf Bio wohl einige Tage zu spät. Jemand nehme sich ihrer geschundenen Seele an! Am Samstag Nachmittag beim Lesen hatte ich unverhofft eins mit der Todesschlafbratpfanne übergezogen bekommen und schlief wie ein anglo-amerikanischer Zehnzentnerblindgänger aus der Luftschlacht über Berlin. Als ich benommen dann langsam irgendwie wieder zu Sinnen kam, verlas der Tagesschausprecher gerade, die britische Soulsängerin sei mit 27 gestorben. Ich musste an Beethoven denken, als der damals starb. +++ Die Fotos, das ist dort ungefähr, wo ich am 25. Juli vor all den wunderbaren Jahren getauft worden bin. Der Bundeskanzler hieß damals noch Erhard. +++ Ludwig Erhard. +++ Heute in genau einer Woche übrigens die Mutter aller Pokalschlachten: Eintracht Braunschweig gegen den FC Bayern im Club. +++ Zscheckwitzout! +++ P.S.: Und Sunshine ist auch tot, das zähe Luder – wie Volker Hauptvogel sagt, wie Effjott Krüger wohl sagen würde, gesagt hätte...

Foto: Am Vallstedter Holz © KvK, 2011
Cartoon: Jürgen der Trinker © OL, 2011
Foto: Alvesse © KvK, 2011

Raining in Baltimore / Tschüss.





















Auf einem Radweg im Norden Pankows drückte mir einer die 11Freunde in die Hand. Aufgemacht wie eine alte, schwarze Schiefertafel war darin mit weißer Kreide Eintrachts Zweitliga-Kader aufgestellt – mit Pfeilen zu den jeweiligen Vereinen, die die Spieler kaufen wollten. Magath war gleich hinter fünfen her; einer ging zurück nach irgendwo in Afrika, und hinter einem der Namen war kryptisch vermerkt: Lesebrille. +++ "Du sagst, du kannst es nicht leiden, wenn jemand dir Träume erzählt – und dann erzählst du mir deinen" (Seltsames Mädchen / Tom Liwa). +++ Schlecht geschlafen wie noch nie. Zum letzten Mal verkabelt und ständig wach geworden davon. Irgendwann gegen sechs dann endlich saß der Schwejki-Boy senkrecht auf seinem Bett und starrte traurig zum Fenster hinaus. Der Startschuss in den Tag. Abreise aus Kreischa. +++ Gestern den ganzen Tag strömender Regen. Wäre es nicht tatsächlich der letzte gewesen, ich hätte wohl einmal mehr nach meiner Walther verlangt. Der Walther P38, Offizierskaliber. +++ Wir hatten am Tisch nie wirklich mit einander geredet. Außer: "Morgen", "Mahlzeit", "n'Abend", "Tschüss." Heute bei meinem Henkermahlzeitsfrühstück war die Stimmung plötzlich ganz aufgeräumt. Von Irm Hermanns Mutter vielleicht einmal abgesehen: die zeichnete sich nur dadurch aus, dass sie einmal wortlos quer über den Tisch nach der Kaffeekanne grabschte. +++ Tageshoroskop Widder vom 21.07.11: "Mehr als üblich sprechen Sie über Ihre Gefühle. Durch das Gespräch finden Sie leicht Kontakt und zeigen vermutlich auch Interesse für das Seelenleben anderer. Sie formulieren Ihre Gedanken nicht besonders sachlich und logisch, dafür umso menschlicher." +++ P.S.: Tschüss!

Foto: Schwestern in Kreischa (Archivbild) © KvK, 2011
Foto: Fahrstuhl in Kreischa (the only way is up) © KvK, 2011


weiter lesen: http://www.gmx.net/themen/lifestyle/horoskop/tag/widder/#.A1000146

Rocket Brothers / Hardinger & Söhne.







































































Seit Wochenanfang quält mich eine Phantasie: Den nackten Schwejki-Boy mit meinem Ledergürtel auszupeitschen! +++ Frau Geißler lebt: War an der Ostsee. Rügen oder Darß; nicht richtig zugehört. +++ Irm Hermanns Mutter (glaube ich) guckt mich mit dem Arsch nicht an! +++ Soundcheck: Schwejki-Boy saß, bevor der Sandmann kam, auf dem Balkon und machte große Kinderaugen: "Was'n da heut' los?!" – "Poolfeier mit Achim Mentzel", meinte ich abgeklärt. – "Ach ...", nuschelte er mit abweisender Handbewegung: "So ein Scheiß!" +++ Nach meinem Augenarzt-Termin gestern sah ich aus, als hätte unser schneller Ali einen Umweg über Kreischa gemacht (Foto oben). +++ Nachdem Schwejki-Boy eingeschlafen war, lief ich zum Pool und ließ die Puppen tanzen. Ein ganz schön dicker Typ, der Achim Mentzel, alle Achtung! +++ Langsam heißt es, mich von Kreischa zu verabschieden. Goodbye, yellow Brick Road: Die Suppen waren ausgezeichnet, die Menschen nett und kompetent und hilfsbereit. Au Revoir France Gall, der Psychologin mit den Bernsteinaugen: Danke für die schöne Zeit! +++ Morgen Abend feiert Hardy seinen 40sten im Nansen. Zscheckwitzout, wie man in Sachsen sagt! +++ P.S.: Schwejki-Brother, alter Pumakäfig: lass es krachen, Keule – und schlaf Dich endlich einmal richtig aus!

Foto: Sanatorium © KvK, 2011
Foto: Schneller Ali (Selbstporträt) © KvK, 2011
Foto: Irm Hermanns Mutter (glaube ich) © Josef Matula, 2011
Foto: Schwejki-Boy sur le Balkon © KvK, 2011
Foto: Achim Mentzel live in Kreischa © KvK, 2011
Foto: Achims Autogrammstunde © KvK, 2011
Foto: Der Tag geht I © KvK, 2011
Foto: Der Tag geht II © KvK, 2011

Days / and lonely Nights in Kreischa.
















I miss you so much, boy
will we be coming on again
don't ever loose your ropes
this man is hanging by the ends

I owe you so much time ...

BTSV / A bigger Splash.



















"Eintracht erster Spitzenreiter und Ernüchterung in Rostock", betitelt die Dresdner Morgenpost den Sportteil am heutigen Montag. Da klopft sie nun wieder an, die Sauregurkenzeit für all jene, denen das Schicksal einst nicht den Traditionsverein von 1895 in die Wiege gelegt hatte. +++ Am Wochenende trafen die Neuzugänge in Kreischa ein – die Bären, wie man bei der Bundeswehr früher wohl sagte. Die mussten erst einmal einen Spießrutenlauf absolvieren. An Tisch 16 haben wir jetzt neu einen russischen Kirmesboxer, der einen gepflegten Eindruck macht. Und Irm Hermanns Mutter, glaube ich, die seltsamerweise die Faschings-Deko aus der Bierstube bei Mandy und Rainer auf ihrem Kopf trägt. +++ Morgen dann am Pool geht es rund: Achim Mentzel kommt. +++ Die BILD Dresden schreibt, der Politiker Sarrazin sei in Berlin aus einem türkischen Restaurant geflogen. +++ Undankbar! +++ Tja, die letzte Woche ist also eingeläutet. Das verbleibende Therapieprogramm liest sich äußerst human. War ja nun echt mal 'ne schöne Zeit hier in Kreischa. Wobei mir Freund Schwejki zum Schluss mehr und mehr auf die Nuss geht. Und seit die Frau mit der fettigen Frisur von Tisch 1 nun verschwunden ist, ist es sowieso nicht mehr das gleiche. Sie haben sie zwar zu ersetzen versucht durch eine mit Schuhen – und einem Panzersoldatenhelm wie Petr Cech. Aber irgendwie ist das nicht mehr das gleiche. +++ Jetzt muss ich zur Sprechtherapie, und mir fällt eh nichts mehr ein: Mmmmpf. +++ P.S.: Wer ist denn nun eigentlich Weltmeister geworden?

Fotos: Swimmingpool, Kreischa © KvK, 2011

Mentzel / Nur für Pati-e-n-t-e-n.




































"... kann in Schwedt das Autohaus nicht finden", wie Rainald Grebe spottet: Ganz bescheiden unscheinbar hängt hier im Eingang der Bavaria-Klinik eine Farbkopie und wirbt für unsere Poolfeier am Dienstag: Achim Mentzel kommt! Die meisten Typen im Schlagergeschäft müssen sehr desillusioniert sein und springen irgendwann aus dem Fenster – Achim Mentzel dagegen ist einfach nur Achim Mentzel, glaube ich. Freue mich jedenfalls drauf: Was sich die Rentenanstalt das wohl mal wieder hat kosten lassen?! +++ Statt sich, wie von Frau Doktor angedacht, den Herrn von Kröcher zum Vorbild zu nehmen, hat Schwejki sich zu allem Überfluss auch noch das Rülpsen angewöhnt. Nicht pubertär, nicht ordinär, nicht spektakulär – eher irgendwie beiläufig, wie ein Reptil. +++ "Die Ruhe der Schlammkröte" ist eine Essenz aus dem Leben einer Tresenfliege. Und Leben und Sterben einer Kölner Kneipe namens Station, wo unter anderem einst auch unser Herr Tati die Abende zum Tage machte. Das ist derbe, amüsant und aus dem Leben – bis dem Typen irgendwann die echten Geschichten ausgehen; da will er plötzlich Literat sein, fabuliert über Mösen (vorzugsweise "nass wie ein Swimmingpool"), klaut bei Djian: "Und der Abend kam, steckte seinen mondenen Schwanz in die letzte Tagesritze, und es sah aus, als feiere das Universum noch einmal ein dionysisches Fest, ein großes Gelage mit nackten Sternen und leicht verhüllendem Nebel." +++ The Jackal am Freitag muss wohl sehr gut gewesen sein, jedenfalls standen prompt wieder die Bullen vor der Tür, oder was ist das für eine rostige Gurke da draußen vorm Fenster? +++ P.S.: Schade, dass der Mentzel weder trinkt noch säuft...!

Foto: Swimmingpool, Kraischa © KvK, 2011
Foto: Nur für Patienten © KvK, 2011
Foto: The Jackal © Mario Unterhuber, 2011
Plakat: Achim Mentzel live © Bavaria-Klinik, 2011

Postcards from Italy / Honi soit qui mal y pense.







Warum Schwejki-Boy auch Samstags schon um 5:50 Uhr früh am Morgen auf den Beinen ist, wird mir ein Rätsel bleiben. +++ Zur Wassergymnastik gestern hatten sie mich in die Rollstuhlgruppe gesteckt. Reine Schikane wegen der Sache mit Schwejk, dachte ich, aber ließ mir weiter nichts anmerken: Ein 15jähriger auf dem Bolzplatz, der mit den kleinen Kindern Fußball spielt, toll. Bademeister Müller musste schmunzeln, doch ließ ich mir, wie schon gesagt, nichts anmerken. +++ Abschluss-Visite: Frau Dr. Berger* zeigte sich äußerst zufrieden mit mir. War bester Plauderlaune. Erzählte mir gerade von ihrem Kuba-Urlaub im vorigen Jahr, wo sie, gemeinsam mit ihrem Mann, das Rauchen wieder angefangen hatte –, als ausgerechnet Schwejki-Boy ins Zimmer getrottet kam: "Na, lieber Herr Frankenstein*, wo wollten Sie denn so früh heute morgen schon hin?", fragte sie mit erhobener Augenbraue. Schweijk setzte sich ertappt und verschüchtert aufs Bett und behauptete allen Ernstes, spazieren gewesen zu sein. "Wie lange rauchen Sie denn nun schon nicht mehr?", bohrte sie weiter. Verlegenes Rumgedruckse. Schwejki-Boy kleinlaut: "Ich hab wieder angefangen". Über Frau Dr. Bergers Gesicht huschte ein heimliches Grinsen. Sie meinte, Schwejk solle sich ruhig den Herr Kröcher zum Vorbild nehmen: "Halten Sie sich an Herrn von Kröcher, der kann Ihnen helfen!" Wie zwei Pennäler, die um ein Haar wären beim Schummeln erwischt worden, warfen Schwejki und ich uns einen schelmischen Blick zu. Frau Dr. Berger wünschte mir alles Gute. +++ Vielen Dank wieder einmal für all die Briefe und Postkarten, die den Weg aus der Hauptstadt bis hinunter zum Freistaat geschafft haben! Darunter eine literarische Rarität, die Graf Tati mir zukommen ließ: "Die Ruhe der Schlammkröte", von Guy Helminger. Eine Art Biografie einer untergegangenen Kölner Saufbude, in der, wie sich erahnen lässt, gesoffen, gevögelt und gereihert wird. Allesamt Unarten, die ich mir gerade abzugewöhnen erlaube (geraucht wird dort auch ohne Ende). Die Zerreißprobe mit Pauken und Trompeten bestanden: Bis Seite 138 bisher absolut keinen Drang nach Saufen, Vögeln oder Kotzen verspürt. Und nach Rauchen schon gar nicht. +++ Schwejki dagegen scheint echt wieder druff: Ich sehe ihn jetzt auch immer schon morgens, wie er bei den Rauchern im Garten sitzt und sich eine f6 an der nächsten anzündet (was, genau genommen, gar nicht geht). Schwejki-Boy ist ja nicht gerade die Stimmungskanone, und so hält er immer einen schüchternen Abstand von bis zu zwei Metern zu all den anderen Junkies. +++ Hätte ich ihm die Kippen verwehrt, hätte sie ihm ein anderer besorgt. +++ Stimmt doch, oder? +++ P.S.: Langsam gehen mir hier die Motive aus. Und die Argumente.

Fotos: Abend über der Sächsischen Schweiz © KvK, 2011

*(Name vom DJ Kröch geändert)

Vielsa(e)itiges / Hier spricht Edgar Wallace.




















Habe ich mich schuldig gemacht? An Schwejk, seiner Familie und nicht zuletzt seinen Fans? Ich lasse ihn jetzt rund um die Uhr beschatten, und es lässt sich einfach nicht von der Hand weisen: Seit gestern, seit meinem "Ausflug" nach Dresden, drückt sich mein Zellennachbar verdächtig oft am Raucherpavillon draußen herum. +++ Mein kognitiver Computer-Test bei France Gall in der Neurologie brachte Erstauliches an die Öffentlichkeit: Reaktion und Konzentration wie bei einem 22jährigen Atomphysiker – weder das Krankenhausessen noch die vier- bis fünfhundert Jahre in den abgefucktesten Kaschemmen konnten The Brain nachweislich Schäden (hin)zufügen. +++ Ein weiteres Phänomen: Während des täglichen Autogenen Trainings hier landen meine Gedanken kurz vor dem Wegdrömmeln jedes Mal irgendwann in der Valpichler Straße 13 oder 14 in München. Die Küche meiner Schwester in den 70er/frühen 80er Jahren am Nachmittag gegen drei: Der Kaffee ist fertig, und geschnittener Sandkuchen steht auf dem Tisch. +++ Auch das noch: Immer wieder verschwinden hier Menschen. Angefangen hatte es mit Frau Geißler; die war nach dem Wochenende nicht wieder aufgetaucht. Jetzt wird zu allem Unglück auch noch die Frau mit der fettigen Frisur vermisst: Ihr Platz an Tisch 1 bleibt leer, ihr Tischkärtchen wurde entfernt. +++ Bei Frau Geißler liegt der Fall auf der Hand – aber wer hat die Frau mit der fettigen Frisur aus dem Weg geräumt? Und vor allem: Wer hat den Nutzen davon? +++ P.S.: Heute Abend im Club: DJ The Jackal, das alte Haus!

Foto: Zielperson mit f6 © Josef Matula, 2011
Foto: Vielsa(e)itiges © KvK, 2011

f6 / Learning to fly.


Da lebt man seit Wochen eng aufeinander, teilt Leiden, Zimmer und Freundin – und weiß doch allerhand wenig vom Leben des anderen. Kurz bevor um 6:55 Uhr heute früh mein Shuttle zum Praxistermin in Dresden ablegte, trat der Soldat Schwejk verschwörerisch an mich heran. Wir kungelten folgenden Deal aus: Da ich zwar hier auf Reha, ansonsten aber nicht auf den Kopf gefallen bin, und durchaus auch mir nicht entgangen ist, dass die Sympathiewerte neuerdings ein alarmierendes Übergewicht zugunsten old Schwejki-Boys verzeichnen, erklärte ich mich sofort bereit, ihm aus Dresden ein Päckchen f6 in den Hochsicherheitstrackt zu schmuggeln. Ich hatte gar nicht gewusst, dass der Hund raucht! +++ Mal über den kreischenden Tellerrand hinaus in die Zukunft geblickt: Am 29. November 2011 findet das große George Harrisson Memorial Konzert statt. Das Line-up steht noch nicht sicher, aber hinter vorgehaltener Hand werden illustre Namen gehandelt: Hans Rohe, Judith Holofernes, Nikko Weidemann, Kai von Kröcher, Thimo Sander, Anke Brauweiler und viele andere mehr. Special Guest: Schwejki-Boy am Klavier. Café Burger oder Privatclub oder Zscheckwitzouthausen, da liegen mir grad keine Informationen vor. +++ Laut Wikipedia folgen dem 29. November noch 32 Tage, bevor das Jahr dann zu Ende ist. +++ In meiner romantischen Sicht auf die Welt hatte ich immer geglaubt, Musiker oder Bands schrieben ihre Songs, wie man das früher selbst so gemacht hatte: Man daddelt irgendwie rum, und am Ende kommt etwas bei raus. Bei dem einen dies, bei dem anderen das. Im Shuttlebus heute kamen mir da erstmals Zweifel. Drei Wochen kein Fernsehen und Radio auch nicht; das sensibilisiert. Auf der Fahrt nach Dresden nämlich irgendso'n Sachsen-Sender, der all das spielte, was man nun wirklich nicht hören will: Up-Tempo-Nummern von Tom Petty, den Dire Straits, Elton John, Spider Murphy Gang und verschiedenen anderen. Immer ein schmissiger Beat und dazu ein ekelig klarer Fender-Strat-oder-so-Sound, der sich auch bis in die hinterste Ecke durch das Gerumpel im Kleinbus durchsetzen kann. Da drängte sich meinem geschärften Verstand nun die Frage auf, ob solche Musik vielleicht extra für solche Radiosender produziert wird. Mark Knopfler im Übungsraum: "Hey Jungs, das klingt flockig! Das nehmen wir auf und schicken es direkt an Radio Sachsen!" +++ Auch wenn man nicht viel weiß über seine Zimmergenossen – am Ende wird man sich, wie ein älteres Ehepaar, immer ähnlicher. Zum Beweis ein Blick in den Badezimmerspiegel: Welche Pflegeprodukte gehören zu wem? Womit duscht DJ Kröch, welchen Rasierer benutzt braver Soldat Schwejk? +++ P.S.: Morgen Abend im Club: The Jackal!

Foto: Pflege-Set B © KvK, 2011
Foto: Pflege-Set A © KvK, 2011

Hechtviertel / Abschleppdienst.




































Ob es nun Einbildung ist, oder ob etwa Bestechung im Spiel war: Die Frau mit der fettigen Frisur besetzt neuerdings die Doppelbalkonhälfte direkt neben meiner. +++ Schwejk schläft nackt. Bis auf eine ausgewaschene grüne Turnhose liegt er da, wie Gott ihn schuf. Komischer Vogel, sogar eine Bettdecke lehnte er ab – nur den "leeren" Bezug benutzt er, wie Linus von den "Peanuts", als Schmusedecke, die er im Schlaf fest umklammert hält. Was dann dazu führt, dass er nachts friert und die Balkontür verrammelt. Was dann dazu führt, dass es gar nicht, wie draußen, ganz toll nach Sommernacht duftet und frisch geschnittenem Gras. +++ Nach Hardy am Sonntag führte das Schicksal nun auch den alten Freund Manzur nach Dresden. In einem Museum hat er zu tun, und abends gingen wir schön einen löten. Bleifreies Schöfferhofer ist gar nicht so schlecht; ganz im Gegensatz zum Original-Schöfferhofer, das ich genauso scheiße finde wie Harald Schmidt. a) nicht so scheiße, wie Harald Schmidt Schöfferhofer findet, sondern so scheiße, wie ich Harald Schmidt finde. Und b) wieso überhaupt Harald Schmidt? +++ Das Foto, das ich von Manzur im Biergarten schoss, ist leider nichts geworden. Trotzdem ein sehr schöner Sommerabend im Dresdner Hechtviertel. Ein Abend, der für mich gegen 21:17 Uhr schon leider zu Ende war. Da musste ich wieder zurück ins Erziehungsheim. +++ France Gall, meine wunderbare Psychologin, spricht "meinen Leuten" im Club ein ganz großes Lob aus. Und auch ich muss mich noch einmal (?) bedanken für euren Support. Der besonderste Dank gilt in diesem Fall Michi. +++ Der Typ an der Bushaltestelle (Pröhlis/Einkaufszentrum) trägt noch immer sein blaues Abschleppdienst-T-Shirt vom Samstag. Der gehörte zu einer der Gruppen von Jungesellen, die sich da öffentlich zu Idioten gemacht hatten. Jetzt sitzt er da rum wie das Heulende Elend. Hat er immer noch keine abbekommen, oder ist er zu allem Unglück etwa an die da neben ihm auf der Bank geraten? +++ Danke auch für die viele Post, die mich im Sanatorium hier tagtäglich erreicht! Freue mich immer sehr, wenn wieder ein Kärtchen oder ein Briefchen oder ein Päckchen auf dem Bett auf mich wartet. +++ P.S.: Wo steckt Frau Geißler?

Foto: Typ vom Abschleppdienst © KvK, 2011
Foto: S-Bahn © KvK, 2011
Foto: Dresden Hauptbahnhof © KvK, 2011
Foto: Selbstporträt mit Elbflorenz © KvK, 2011

The Jackal / ... zwischen Knast und Kloster.

Hin und wieder denke ich an A.: An diesen leisen, feinen Menschen, der vor einer Weile eine Weile hinter schwedischen Gardinen saß. Der dieser Zeit dann später hinterher weinte, weil das Gefängnisleben ihm so sehr ans Herz gewachsen war. +++ Zwischen Knast und Kloster irgendwo liegt Kreischa. Man lebt in seinem Kosmos, kümmert sich um nichts. Die Seele baumelt. Mit dem ersten Sonnenstrahl am Morgen steht das Frühstück auf dem Tisch. Frische Brötchen, Kaffee, Marmelade. Und abends fällt man wie ein Stein ins Bett. +++ Wo steckt eigentlich Frau Geißler?! +++ Auf dem Behandlungsplan stand gestern "Schröpfen". War mir bisher nur von meinem Freund, dem Dicken, irgendwie bekannt. Der Dicke vom Ordnungsamt und seine ganzen Kumpels, die einen ständig ausnehmen möchten. "Schröpfen" hier ist etwas völlig anderes, Schröpfen hier ist super. +++ Freitag Abend im Club: DJ The Jackal. "Rare Grooves on Vinyl", das hört man gern! +++ Hardy neulich meinte, der Club liefe anscheinend auch ohne mich, hätte sich auf eine Art emanzipiert. Mit einem lachenden, mit einem weinenden Auge nimmt man sowas hin: Wie Eltern, deren Kind sich langsam abnabelt von zu Haus. Kleine Fische werden groß, wie Heimberg5000 so schön sagt: ... und dann schwimmen sie davon. +++ Sonst hier nüscht Neues. Mein Therapie-Programm geht in die Knochen. Ich weiß, ich werde es vermissen...!

Flyer: The Jackal © Dom Pacini, 2011

Teplice / Zwei Supernasen tanken bleifrei.





Wie im Film: Die alte Berliner Gastrolegende Hardy S. hatte am Sonntag einen Spontanstopp in Kreischa eingelegt, und so fuhren wir durch die sagenhaft schöne Sächsische Schweiz und kamen uns vor wie in einer Kulisse. Dahinter allerdings war alles recht öde. Glashütte zum Beispiel wirbt mit dem Slogan: "Hier lebt die Zeit", und man fragt sich beim Durchfahren, ob die Zeit denn das einzige ist, was hier lebt. Erinnerte schwer an den piefigen Westharz in meiner Kindheit und Jugend. +++ In Altenberg/Erzgebirge, Austragungsort der Rodel-WM 2012, wurde uns dann das immerhin (Hardy) "schlechteste Essen seit Jahren" serviert. +++ Das Gute an Altenberg ist die unmittelbare Grenze zu Tschetschenien, und so führte die Straße uns direkt bis nach Teplice, einem uralten Kurbad, wie ich später gegoogelt habe. Wo sich Goethe einst gar mal mit Beethoven traf. Der Putz alter Zeiten bröckelt, aber die Menschen hier scheinen am Leben. +++ In Altenberg hatte Hardy noch einmal bis zum Rand voll getankt. Ich wollte nichts sagen, aber auch ihm fiel dann auf, dass hinter der Grenze der Sprit günstiger war. +++ Merkwürdiges Phänomen auch hier wieder einmal: Auf der Rückfahrt gen Dresden sogen wir schweigend die tschetschenische Landschaft ein, die dann schon fünfzig Meter hinter der Grenze abrupt wieder bieder und langweilig war: Wie machen die das? +++ In Kreischa endete der Tag mit einer Einkehr im Gasthaus Lehmann, wo der ungarische Stammkellner übrigens nicht nur der Stammkellner ist, sondern seit über dreißig Jahren auch schon der Chef. Das Essen ist rustikal und versöhnlich, und so stießen wir mit bleifreiem Hefe auf einen Sonntag voll spannender Abenteuer an. +++ P.S.: Hardy feiert am Donnerstag Abend, 21. Juli, seinen Geburtstag im Nansen: Vierzig Jahre Stapelmoor! Wer sich jetzt angesprochen fühlt, der komme vorbei, soll ich euch ausrichten!

Foto: Teplice, Bahnhof © KvK, 2011
Foto: Altenberg, Tankstelle © KvK, 2011
Foto: Teplice, Bahnhof © KvK, 2011
Foto: Teplice, Straße © KvK, 2011
Foto: Erzgebirge, Wasserfall (den wir nicht fanden) © KvK, 2011

Pusteblume / 3. Plätze sind was für Männer.




































































Die beiden Mars-Riegel, die sich die sympathische Jungärztin zwischen 78. Minute und Abpfiff als Nervennahrung gestern hinein mümmelte, halfen am Ende wenig. Im Gegensatz zu dem euphorischen ZDF-Kommentator hatte ich (ab Mitte der ersten Halbzeit) allerdings auch keine "überlegene deutsche Mannschaft" gesehen, sondern ein ziemlich planloses, überhastetes Spiel mit einer erstaunlichen Quote an Fehlpässen. Das Spiel unserer Mädels wurde erst gut, als das Wasser schon bedenklich den Hals empor stieg. +++ Viel mehr als das Ausscheiden der Frolleins allerdings beschäftigt mich gerade das nachlassende Interesse seitens der Frau mit der fettigen Frisur. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?! +++ Ohne gültiges Reisedokument gestern in Dresden gewesen: Prager Straße, auf DDR-Postkarten der Kosmonautentraum visionärer Nachkriegsarchitektur. +++ Auffallendstes Phänomen am Ausflug nach Dresden: verschiedene Gruppen gröhlender Junggesellen, die T-Shirts trugen mit Aufschriften, wie, nun sei alles vorbei, oder so. Wer heiratet denn so welche?! +++ Ebenfalls sehr stark vertreten: Waslawskanische Männer, die ihren Frauen günstige Fuck-me-Pömps kauften. Plus: Japaner, Chinesen und Asiaten – einer sehr stolz mit dem Shirt Oktoberfest München. +++ Der Uhu mailte ein Bild aus Berlin: Direkt nach dem 0:1 hängende Köpfe im club49! Alles beim Alten, also. +++ Schwejki-Boys Beispiel folgend, habe auch ich mir nun Badelatschen gekauft. Meine sogar mit der Oberflächenstruktur der historischen Fassade des Centrum Warenhauses. Neben dem galaktischen Pusteblumenbrunnen (Foto) und dem Rundkino von '72 blieb zumindest ein Teil dieser wabenförmigen Außenhaut der Nachwelt erhalten. Die Badelatschen sind toll. +++ Mit dem Ausscheiden der deutschen Elfen (!) geht damit wohl auch im Club ein weiteres Sommermärchen langsam dem Ende entgegen. Ich frage vorsichtshalber aber noch einmal nach. +++ Hat jeder Fußballverein denn neuerdings seine eigene Fan-Tankstelle wie Dynamo Dresden hier auf dem Foto? +++ Eigentlich wollte ich heute früh in den Gottesdienst. Die Dorfkirche in Kreischa gefällt mir sehr gut. Für 9:30 Uhr leider nicht gut genug.

Foto: Centrum Warenhaus (innen) © KvK, 2011
Foto: McDonald's © KvK, 2011
Foto: Asiaten © KvK, 2011
Foto: Dynamo-Dresden-Tankstelle © KvK, 2011
Foto: Hauptbahnhof © KvK, 2011
Foto: Junggesellen © KvK, 2011
Foto: Urlaubsträume © KvK, 2011
Foto: Pusteblume © KvK, 2011
 
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